„Emerging Markets gehören ins Portfolio“

Während in den meisten Industrieländern die Wachstumsraten stagnieren, legen viele Entwicklungsländer weiter deutlich zu. Wer davon profitieren will, sollte Emerging Markets fest in das eigene Portfolio integrieren, empfiehlt Marc Cavatoni von Nowinta. Auch wenn es dabei einiges zu beachten gilt.

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Frage: Herr Cavatoni, viele deutsche Anleger setzen weiterhin auf deutsche Aktien, vielleicht noch ein bisschen Europa und USA. Doch trotz der beeindruckenden Wachstumsraten erscheinen ihnen die Aktien und Anleihen von Emerging Markets zu riskant. Ein Fehler?

Marc Cavatoni: Klare Antwort: ja. Denn wenn Sie sich anschauen, wo das Wirtschaftswachstum auf der Welt stattfindet, ist das vor allem in Asien. Riesenmärkte wie China haben eine beispiellose Entwicklung gezeigt, aber auch kleinere Staaten der Region sind eine nähere Betrachtung wert. Mehr als die Hälfte des Weltwirtschaftswachstums kommt von den Emerging Markets. Daher würde ich allein aus Sicherheitsaspekten diese Länder und ihre Unternehmen ins Portfolio aufnehmen, um nicht den Anschluss zu verlieren. In unserer Vermögensverwaltung haben wir eine strategische Emerging-Markets-Quote von ca. 30 Prozent. Das ist deutlich mehr, als im Schnitt andere Vermögensverwalter einsetzen.

Frage: Aus Sicherheitsgründen? Wenn ich die aktuellen Schlagzeilen aus China lese, die Anleihe-Situation in Argentinien betrachte – da scheinen Emerging Markets vor allem anfällig für Schwankungen. Hohe Volatilität verbinde ich jetzt weniger mit Sicherheit.

Cavatoni: Ihr Eindruck ist richtig – Emerging Markets sind, sofern man die Erfahrungen der Vergangenheit zum Maßstab nehmen kann, volatiler als etablierte Industriestaaten. Das gilt auch für politische Ereignisse. Doch ein Markt wie Argentinien sollte in einem vernünftig strukturierten Portfolio auch nur eine sehr kleine, also eher unbedeutende Rolle spielen. In China hat die Zentralbank bereits Stützungsmaßnahmen ergriffen, um negative Auswirkungen des Handelsstreits mit den USA zu minimieren. Man sollte die Risiken der Emerging Markets also nicht größer machen, als sie sind. Und zugleich nicht die strukturellen Risiken der Industriestaaten unterschlagen: Demographischer Wandel, hoher Sättigungsgrad beim Wachstum. Die Zukunft des Wachstums liegt in den neuen Märkten. Wer dies ignoriert, riskiert, eine positive Portfolioentwicklung zu verpassen.

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Frage: Nach welchen Kriterien sollte ich denn auswählen, wie viel China und wie viel Argentinien ich mir ins Portfolio nehme?

Cavatoni: Wir selbst orientieren uns an der Wirtschaftskraft eines Landes. Staaten mit einem größeren Anteil am globalen BIP wie beispielsweise China sollten entsprechend höher gewichtet werden, Länder mit kleinerem Anteil wie Argentinien sind entsprechend nur sehr gering gewichtet.

Frage: Warum die Orientierung am BIP? Es gibt ja auch ganz andere Ansätze wie die Gewichtung nach der Bevölkerungszahl – mit entsprechend großen potentiellen Konsumentenzahlen.

Cavatoni: Es gibt noch weitere Ansätze. Meist wird die Marktkapitalisierung als Maßstab ausgewählt. Die Orientierung am letzten verfügbaren BIP hat aber zwei Vorteile: Zum einen sind dann auch die nicht börsennotierten Unternehmen berücksichtigt; Sie erhalten also ein realistischeres Bild der Wirtschaftskraft eines Markts, unabhängig von der „Finanzierungskultur“ – siehe Deutschland: starker Mittelstand bei relativ schwacher Aktienkultur hierzulande. Zum anderen ist die Betrachtung relativ nüchtern und orientiert sich nicht an Hoffnungswerten oder Meinungen wie einer großen Bevölkerung. Nur weil die Bevölkerung groß ist und wächst, bedeutet das nicht auch eine große Mittelschicht, die konsumiert und sehr produktiv ist.

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Frage: Aber Ihr BIP-Ansatz ist eben immer ein Blick in die Vergangenheit.

Cavatoni: Gilt das aber nicht fast immer? Wenn ich mir einen Geschäftsbericht anschaue, ist der auch schon am nächsten Tag „veraltet“. Dennoch erfahre ich viel über die Substanz des Unternehmens und seinen Markt. Durch den BIP-Ansatz habe ich einen regelmäßigen Anlass, mein Portfolio gegebenenfalls anzupassen: Wenn die Wirtschaft eines Landes überproportional wächst, erhöhe ich den Anteil im Portfolio. So haben wir einmal im Jahr ein Re-Balancing des Portfolios, das die tatsächlichen wirtschaftlichen Veränderungen abbildet. Hinzu kommt ein unterjähriges, antizyklisches Rebalancing. Wenn der Aktienkurs schneller steigt als das BIP, reduzieren wir den Anteil und realisieren Gewinne. Genauso andersherum.

Frage: Muss ich durch die höhere Volatilität von Emerging Markets meine Papiere aktiver managen?

Cavatoni: Viele Anleger torpedieren ihre eigene Rendite durch Aktivismus. Auch wenn Werte aus den Emerging Markets stärker schwanken, würde ich eine gewisse Ruhe empfehlen und bei einer längerfristigen Anlageperspektive nicht hektisch werden. Anpassungen sind sicherlich ab und an sinnvoll, aber mit drei Viertel oder mehr meines Portfolios würde ich dauerhaft investiert bleiben – dies gilt übrigens für das gesamte Aktieninvestment und nicht nur für Emerging Markets. Schwankungen gehören einfach dazu und gilt es für sich zu nutzen, beispielsweise mittels Sparplänen.

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Frage: Sie nutzen in der Vermögensverwaltung ausschließlich ETFs bei Ihren Emerging-Markets-Investments. Reicht Ihnen da ein „Emerging-Markets-ETF“?

Cavatoni: Breitere ETFs sind häufig nach der Marktkapitalisierung gewichtet, wodurch der BIP-Ansatz nicht so einfach darzustellen ist. Daher verwenden wir meist auch einzelne Länder- und Regionen-ETFs, wo es mittlerweile auch genug Auswahl an ETFs gibt, so dass unsere Strategie problemlos dargestellt werden kann.

Frage: Letzte Frage: Wenn Emerging-Markets – dann lieber Aktien oder Anleihen?

Cavatoni: Nun, die Gewichtung hängt grundsätzlich von Ihrem persönlichen Investitionshorizont und Ihrer Risikotragfähigkeit ab. Aktuell wurden mit europäischen und US-Anleihen sehr gute Ergebnisse erzielt. Aber wenn wir dauerhaft auf diesem Niedrigzinsniveau verharren – und danach sieht es aktuell aus –, werden Anleihen aus Emerging Markets wesentlich attraktiver als Anleihen der Industriestaaten.

Risiken:

Das vorliegende Material ist nicht als verlässliche Prognose, Untersuchung oder Anlageberatung zu verstehen und ist weder eine Empfehlung noch ein Angebot für den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder für eine bestimmte Strategie. Wir empfehlen nachdrücklich, dass Sie sich vor einer Finanzanlage professionell beraten lassen. Eine Finanzanlage ist typischerweise mit gewissen Risiken verbunden. Der Wert einer Anlage sowie das hieraus bezogene Einkommen können Schwankungen unterliegen und sind nicht garantiert. Es besteht die Möglichkeit, dass der Anleger nicht die gesamte investierte Summe zurückerhält. Vergangene Wertentwicklung, Simulationen oder Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung und sollten bei der Auswahl eines Produkts nicht als alleiniges Kriterium herangezogen werden. Sowohl die Höhe der Steuer als auch ihre Berechnungsgrundlage können sich in der Zukunft ändern, beide sind außerdem abhängig von den persönlichen Verhältnissen des Anlegers. Es gibt keine Garantie dafür, dass Investitionen in Finanzmärkten einen wirksamen Schutz gegen Inflation bieten.

Anleger sollten ihre Investmententscheidungen auf Grundlage des laufenden Verkaufsprospekts, der jüngsten Jahresberichte sowie dem Dokument mit den wesentlichen Anlegerinformationen, die auf unserer Website in deutscher Sprache erhältlich sind, treffen. Die wesentlichen Anlegerinformationen zu den einzelnen Fonds finden Sie hier.

Interview Quelle: https://www.faz.net/asv/perspektiven-etf/emerging-markets-gehoeren-ins-portfolio-16463082.html

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